Fendry Ekel interviewt von Naima Morelli

Dieses Interview von Naima Morelli mit Fendry Ekel wurde am 8. März 2016 per E-Mail in englischer Sprache geführt und zum ersten Mal im online Magazine CoBo Social veröffentlicht. BOSmagazine liefert mit freundlicher Genehmigung des Künstlers im Folgenden die deutsche Übersetzung von Astrid Honold.

„Republic“, Fendry Ekel, 1987, Nationalgalerie Indonesiens in Jakarta, 12. – 21. Februar 2016

Naima Morelli: Wo liegen für Dich die Wurzeln Deines Interesses an der Kunst?

Fendry Ekel: Meine erste Begegnung mit der Kunst fand in Jakarta statt, wo ich als kleiner Junge zufällig das winzige Atelier und Schlafzimmer eines geheimnisvollen Nachbarn betrat, der gerade nicht zuhause war. Ich war wie getroffen von der Einsamkeit und dem geordneten und einfachen Lebensstil von diesem Typ. Außerdem machten das Licht, das durch das Fenster des Zimmers eindrang und auf das Bild auf der Staffelei fiel, und der intensive Geruch des Ölmediums einen ungeheuren Eindruck auf mich. Es war, als ob ich die Essenz von Wahrheit, eine Art Schönheit, erlebte; wie das Betreten einer kleinen Kapelle, in der man ganz für sich selbst ist.

Künstler zu sein, bedeutet für mich eine bewusste Entscheidung. In meiner Familie interessiert sich kein Mensch für die Kunst. Bis zur Generation meiner Urgroßeltern haben alle einen militärischen Hintergrund. Mein Interesse an der Kunst begann, als ich mir Jahre später die Frage stellte, was für ein Leben ich führen wolle. Ich wollte etwas studieren, das mir erlaubte, eine Profession auszuüben, in der es keine Pensionierung gab; eine, die mich ermutigen würde, die Welt zu ‚sehen‘, nationale und geografische Grenzen zu durchbrechen, und der ich bis zum Ende meines Lebens würde nachgehen können.

Aufgrund meiner Naivität und dem Mangel an Informationen dachte ich, Kunst sei etwas, das man nur von seinen Eltern lernen könne; und die wiederum von ihren Vorfahren. Aufgrund einer Erfahrung bei meiner Großmutter, die mir als Kind beibrachte, wie man auf Stoff zeichnet, um ihn zuzuschneiden und einfache Kleidung herzustellen, ging ich dann mit der Vorstellung dort Mode zu studieren an die Kunstakademie. Erst auf dieser Akademie wurde ich über die Bildende Kunst unterrichtet. Kurze Zeit später konzentrierte ich mich nur noch darauf.

N.M.: Wie hat Deine Migration von Indonesien nach Europa als Jugendlicher Deine Weltanschauung beeinflusst?

F.E.: Die Migration als Teenager brachte meine gesamte kulturelle und geistige Orientierung ins Wanken. Sie konfrontierte mich mit dem Gedanken, dass Identität, dass das Bild, was man von sich selbst hat, konstruiert und zerbrechlich ist. Durch sie gelangte ich zur Einsicht, wie einfach es ist, sich selbst zum Narren zu halten, wenn man nur will, weil das ganze System einen darin unterstützt. Ich nahm mir fest vor, dieses Konzept niemals zu vergessen und begann hierfür Wege zu entwickeln, mir Dinge zu merken. Erinnern als eine politische Tat. Ich wurde mir mehr und mehr des Unterschieds bewusst zwischen dem, was es heißt, ein Bürger zu sein oder eine Person; ein Individuum zu sein oder ein Mensch. Von da an war nichts mehr selbstverständlich. Ich entwickelte die Leidenschaft, meine jeweilige Umgebung zu erforschen; jedes Bild ist fragwürdig.

N.M.: Hat das Studium in den Niederlanden Deine Art über Kunstgeschichte nachzudenken beeinträchtigt?

F.E.: Die Niederlande sind Teil Europas, einem Kontinent mit großer Tradition im Hinblick auf ein Bewusstsein für die Wichtigkeit von Geschichtsschreibung und -schaffung; die Kunstgeschichte eingenommen. Die Bildung von Gesellschaft gründet auf Konstruktion, Destruktion, Rekonstruktion und Restauration. Die Leute müssen lernen, indem sie dokumentieren und konservieren, deshalb ist die Akademie eine wichtige Grundfeste der Gesellschaft. Durch das Studium und im Verlauf vieler Jahre, in denen ich in dieser Gesellschaft lebte, war ich zum Glück in der Lage, das aus nächster Nähe zu lernen. Diese Erfahrung aus erster Hand ließ mich die Motivation und den Mechanismus von alledem besser verstehen.

N.M.: Geschichte und Erinnerung stehen im Mittelpunkt Deines Schaffens. Verwendest Du eine strukturelle Methode bei den Nachforschungen zu historischen Figuren, Themen und Verknüpfungen, auf die Du in Deiner Arbeit Bezug nimmst – sowohl visuell als auch konzeptuell?

F.E.: Geschichte und Erinnerung sind wie Schwäger; verbunden durch das menschliche Verlangen, das Leben zu verstehen. Ich lehne es ab, eine bestimmte Methode zu haben oder einer solchen zu folgen. Wie im Leben verlasse ich mich da lieber auf meine Intuition und benutze bei der Recherche der Angelegenheiten, die du oben benennst, meinen Instinkt. Ich bin mir darüber im Klaren, dass nur der Prozess des Kunstschaffens das Zulassen von Fehlern erlaubt, ohne dass das Konsequenzen hätte. Deshalb wäre es ein großes Vergehen, wenn ich mir das nicht zugestünde.

N.M.: Du bist vor allem Maler. Wie verhält es sich mit deiner Beziehung zum handwerklichen Aspekt des Malens im Gegensatz zum konzeptuellen Aspekt deiner Arbeit?

F.E.: Möglicherweise ist meine frühe Begegnung mit der Malerei, wie ich sie in der Antwort zu Deiner ersten Frage beschrieben habe, eine der Grundlagen meiner Beziehung zum Handwerk des Malens. Außerdem mag ich die Effizienz und den mobilen Charakter der Malerei als Medium.

Auch wenn ich wusste, was und wie zu malen sei, gab es trotzdem eine Zeit, in der ich ernsthaft mit der existenziellen Frage konfrontiert war, warum ich malte. Während ich darauf immer noch keine Antwort wusste, konzentrierte ich mich zu Anfang meiner Karriere vor allem auf Experimente in den sogenannten neuen Medien und der Installationskunst. Auch das habe ich unheimlich genossen. Nachdem ich ein paar Jahre so gearbeitet hatte, habe ich dann endlich die Antwort auf meine große Frage gefunden, was mir ermöglichte, mich wieder dem Malen zuzuwenden: „Warum nicht?!“

Visuelle und konzeptuelle Aspekte gehen in meiner Arbeit Hand in Hand. Für mich hat jedes großartige Bild ein Konzept und umgekehrt.

N.M.: Du hast mal Dein gesamtes Oeuvre als Selbstporträt bezeichnet. Was meintest Du damit?

FE..: Das war eine Art Provokation, eine Scheinbewegung: Mein Gesamtwerk als Selbstporträt zu diskutieren, erlaubte mir, die Ausforschung meines Umfelds zu vertuschen und abzuschirmen. Die Art und Weise wie man die Welt erfährt, bestimmt, wer man wird. Wie ich mein Umfeld darstelle, wie und mit welcher Neugierde ich die Dinge betrachte, wird zu dem, der ich bin. Ein Selbstporträt anfertigen heißt, die Projektion seiner selbst zu konstruieren. Ein Selbstporträt existiert nicht einfach schon: es ist ein Bild, das erst geformt werden muss. Es ist Sehen und Sein durch Tun.

N.M.: Im Moment bist Du zwischen Berlin und Yogyakarta zuhause. Nimmt der Aufenthalt in der jeweiligen Stadt Einfluss auf Deine Arbeit und falls ja, wie?

F.E.: Als Künstler habe ich ein großes Bedürfnis, meine eigene Existenz zu überdenken, damit ich sie besser fühlen kann und nicht von der täglichen Routine eingeschlossen werde. Reisen ist eine Art des Filterns von Unnötigem und eine Bestimmung der Beschaffenheit von Dingen. Nachdem ich in unterschiedlichen Plätzen und Ländern gelebt habe, hat die Vorstellung, an einem bestimmten Ort zu leben, etwas Beengendes an sich. Fortwährende physische Veränderung bedeutet für mich die Möglichkeit, den nötigen geistigen Abstand zu schaffen, um die Bilder der Realität scharf zu fokussieren und mich zu vergewissern, dass ich noch nicht tot, nicht hirntot bin.

N.M.: Hast Du all die Jahre eine Verbindung zu Indonesien aufrechterhalten oder war das etwas, das Du Dir zurückerobern musstest?

F.E.: Wenn Du von Java aus das Flugzeug nimmst, dauert es ein paar Stunden, bevor Du Indonesien verlässt; lange genug, um das Land von oben zu sehen und gleichzeitig nachzudenken. Das habe ich 1987, während meiner ersten Flugerfahrung überhaupt, auf der Reise nach Europa getan, und während dieses Flugs habe ich mir geschworen, die Herausforderung anzunehmen, Wege und Mittel zu finden, um meine Verbundenheit mit Orten und Personen sowohl mental als auch physisch aufrechtzuerhalten. Man kann das als Versuch werten, Kontrolle über mein eigenes Schicksal zu erlangen; meine Revanche für das, was ich zu diesem bestimmten Zeitpunkt nicht zu tun im Stande war. Internet, Photoshop und Wikipedia sind großartige Erfindungen meiner Zeit. Ich fühle mich gesegnet, ein Teil dieser Ära zu sein.


N.M.: Deine Ausstellung 1987 in der Nationalgalerie Indonesiens in Jakarta ist gerade zu Ende gegangen. Kannst Du uns mehr zum Konzept zu dieser Show und der Serie monumentaler Schiffsbilder sagen?

F.E.: Das Konzept zu dieser Ausstellung ist das einer Reise; der geistigen Reise des Menschen. Um zu reisen, bedarf es eines starken Erinnerungsvermögens, und durch das Reisen schult man gleichermaßen seine Erinnerung. Die Ausstellung 1987 enthält eine Serie monumentaler Bilder, auf denen Modelle von Segelboten abgebildet sind. Diese Malereien sind metaphorische Demonstrationen davon, wie Erinnerung konstruiert ist, und wie sich ihre Schichten formen – doch in erster Linie handeln sie von Malerei.

N.M.: Neben Deiner künstlerischen Praxis entwickelst Du als Mitbegründer von Office For Contemporary Art (OFCA) International in Yogyakarta auch organisatorische Netzwerke. Siehst Du Deine ‘institutionelle’ Arbeit als Erweiterung deiner künstlerischen Vorstellung oder ist das etwas ganz Anderes?

F.E.: Für mich sind sowohl das Schaffen von Kunst als auch das Erleben von Kunst soziale Ereignisse. Zeitgenössische Kunst handelt nicht nur vom Prozess ihrer Herstellung. Das schließt viele andere Dinge mit ein. Kunst ist ein Sammelbecken für alle möglichen Aspekte des Lebens.

Meine sogenannte ‘institutionelle’ Arbeit ist eine Plattform, auf der ich meine künstlerischen Erfahrungen mit anderen, vor allem mit Künstlerkollegen, teilen oder austauschen kann.

N.M.: Was für ein Vermächtnis möchtest Du mit Deiner Kunst hinterlassen?

F.E.: Als Künstler habe ich keinerlei Interesse am Hinterlassen eines Vermächtnisses. Ich finde die Idee, darüber nachzudenken, pervers. Ein Vermächtnis ist eine narzisstische und feige Krücke, um dem Tod zu begegnen. Außerdem bin ich viel zu konfus, um eines zu hinterlassen. Ich mache Kunst, um gleichzeitig zu verstehen und zu hinterfragen. Kunstschaffen ist eine Art, mit dem Zweifel am Verständnis unserer Welt umzugehen.

N.M.: Welche Projekte kommen als nächstes?

F.E.: Nach meiner Serie der Investigation Paintings und der Schiffsmalerei konzentriere ich mich auf mein Interesse an Stillleben, Text und Spiegeln.

„Seven Seas“, Fendry Ekel, 1987, Nationalgalerie Indonesiens in Jakarta, 12. – 21. Februar 2016

Fendry Ekel, 1987, Nationalgalerie Indonesiens in Jakarta, 12. – 21. Februar 2016

„1987“ und „Carpe Diem“, Fendry Ekel, 1987, Nationalgalerie Indonesiens in Jakarta, 12. – 21. Februar 2016

„Quo Vadis“, Fendry Ekel, 1987, Nationalgalerie Indonesiens in Jakarta, 12. – 21. Februar 2016

„The Missing Link“ und „Man on the Moon (Leon)“, Fendry Ekel, 1987, Nationalgalerie Indonesiens in Jakarta, 12. – 21. Februar 2016

„Untitled (1987)“, Fendry Ekel, 1987, Nationalgalerie Indonesiens in Jakarta, 12. – 21. Februar 2016

„Six Degrees of Separation“, Fendry Ekel, 1987, Nationalgalerie Indonesiens in Jakarta, 12. – 21. Februar 2016

„Title Paintings“, Fendry Ekel, 1987, Nationalgalerie Indonesiens in Jakarta, 12. – 21. Februar 2016

„Investigation Nr. 7“, Fendry Ekel, 1987, Nationalgalerie Indonesiens in Jakarta, 12. – 21. Februar 2016

Naima Morelli ist Kunstautorin und Kuratorin mit dem Schwerpunkt Zeitgenössische Kunst aus der Region Südostasien/Pazifik. Sie hat unter anderem Beiträge für ArtsHub, Art Monthly Australia, Art to Part of Culture und Escape Magazine verfasst und ist Autorin des Titels ‚Arte Contemporanea in Indonesia, un’ introduzione’, einem Buch, das sich mit der Entwicklung der zeitgenössischen Kunst Indonesiens befasst. Ihre Praxis als Kuratorin dreht sich um das Herstellen bedeutungsvoller Beziehungen zwischen Europa, Asien und Australien.

Fendry Ekel (geb. Jakarta, Indonesien) genoss seine Ausbildung an der Gerrit T. Rietveld Akademie und der hochgeschätzten Rijksakademie van beeldende kunsten in Amsterdam, Niederlande sowie der Cittadellarte, Fondazione Pistoletto in Italien. Im Zuge seiner Soloausstellung im HVCCA in New York erhielt er 2011 die Einladung am International Studio and Curatorial Program (ISCP) in New York teilzunehmen. Unlängst wurde Ekel seitens der Theorie als pictor doctus bezeichnet, der die Macht der Kunst, Figuration und Repräsentation kritisch untersucht, indem er sich Bilder aus unserem kollektiven Bewusstsein aneignet. Seine vielschichtigen monumentalen Bilder, die er unter Verwendung bestehender fotografischer Aufnahmen schafft, erforschen das Verhältnis zwischen „Mensch und Erinnerung“. Fendry Ekel stellt seine Arbeiten international aus und hatte wiederholt Soloausstellungen in Amsterdam, Jakarta, Milan, Valencia, Mexico City und New York. Ekel lebt und arbeitet zwischen Yogyakarta, Indonesien und Berlin, Deutschland.