Philipp Geist interviewt von Jasmin-Bianca Hartmann

 

Dieses Interview von Kunsthistorikerin Jasmin-Bianca Hartmann mit dem Berliner Licht- und Medienkünstler Philipp Geist über das Malen mit den Neuen Medien, Gegen-Orte und die flüchtige Oberfläche seiner Lichtkunst wurde im Juli 2016 für BOSmagazine geführt.

 

Philipp Geist, Cristo Redentor, Rio de Janeiro, 2014 © 2016 Philipp Geist / VG Bildkunst Bonn

 

Jasmin-Bianca Hartmann: Philipp, exakt 20 Jahre ist deine erste Einzelausstellung nun her. Deine großformatigen Acrylgemälde fanden ihren Platz in einem Fichtenwald nahe Weilheim in Oberbayern. Wie kam es zur Auswahl dieses speziellen Präsentationsortes?

 

Philipp Geist: Das war meine erste Ausstellung und damals wie heute war für mich die Auswahl des Ortes schon ganz wesentlich. Als Künstler geht man stets einen Dialog mit dem gegebenen Ort ein. Meine Ausstellungen und Installationen nehmen immer zugleich Bezug auf den jeweiligen Ausstellungsort. Die Gemäldeausstellung mitten im Wald ist rückblickend für mich sehr wichtig, und zwar nicht nur weil es meine erste Einzelpräsentation überhaupt war. Sondern auch, weil es sich um eine temporäre Kunstaktion im öffentlichen Raum handelte. Sie dauerte nur ein paar Stunden. Reizvoll war für mich vor allem das Licht- und Schattenspiel der Nadelbäume, das die Oberfläche und somit zugleich die Wirkung der Bilder veränderte. Die Werke wurden damals als tanzende, trommelnde Bilder im Wald angekündigt und konnten durch die Wechselwirkung mit dem Ort auch als solche gezeigt werden.

 

Philipp Geist, Tanzender, trommelnder Wald, Polling, 1996 © 2016 Philipp Geist / VG Bildkunst Bonn

 

J.-B.H: Schon hier fügtest du Bild und Ton, Oberfläche und Lichtspiel konzeptuell eng zusammen. Wurde mit der damaligen, insgesamt sehr installativen Präsentation mitten im Wald nicht bereits ein wesentlicher Grundstein für deine heutigen Lichtkunstinstallationen gelegt?

 

P.G.: Ja, absolut. Rückblickend ist die Ausstellung im Wald für mich heute nach wie vor so aktuell wie vor 20 Jahren. Ich empfand den schönen, weißen Galerieraum immer schon als eher trist und nüchtern. Daher habe ich auch für zwei Ausstellungen in Berlin einen entsprechenden ‚Gegen-Ort‘ ausgewählt, eine Fußgänger-Unterführung am Alexanderplatz. Für die erste Ausstellung 1999, in meinem ersten Jahr in Berlin, verfremdete ich mein eigenes Gesicht durch die direkte Auflage auf den Scanner so sehr, dass lediglich undefinierbare Formen und Flächen übrig blieben. Es sind schließlich ‚gemalte‘, abstrakte Porträts entstanden, die ich an die Deckenlampen der Unterführung klebte. Ein weiteres Mal, im Jahr 2001, zeigte ich dort großformatige, ebenfalls abstrakte Gemälde, die die Phänomene Zeit und Bewegung zum Thema hatten. Diese beiden Themen sind für viele meiner Arbeiten grundlegend.

1997 habe ich eine Dia-Show mit dem Musiker Martin Gretschmann und seinem Solo-Elektronik-Projekt „Console“ an zwei Orten realisiert. Durch die lebendige Musikszene meiner Heimat Weilheim wurde ich natürlich sehr geprägt. Auch daraus ergab sich die logische Konsequenz, langfristig mit der Verbindung von Bild, Musikern und Musik zu arbeiten. Aus beidem sind wiederum Musikvideos und audiovisuelle Kooperationen entstanden. Dies habe ich mittlerweile in unzähligen Projekten mit verschiedensten Musikern und Musikrichtungen praktiziert: es gab Interventionen mit der deutschen Geigerin Anne-Sophie Mutter, dem klassischen „Orquestra Simfònica de Barcelona“ in Kombination mit dem avantgardistischen Elektromusikprojekt „Pan Sonic“ im Rahmen der Eröffnung des Sonar-Festivals 2004 sowie weiteren elektronischen Avantgarde-Künstlern wie „Schneider TM“ oder „Richie Hawtin“.

 

J.-B.H.: Das hängt doch sicher auch mit deiner aktiven Rolle in der Berliner Club-Szene der 90er-Jahre zusammen?

 

P.G.: Mein aktives Eintauchen in diese Szene war eine weitere wichtige Phase und Möglichkeit, um mit der Kombination von Ton und Lichteffekten zu experimentieren. Als VJ (Visual Jockey) konnte ich audiovisuelle Projekte entwickeln und neue Themen ausprobieren. Ende der 90iger-Jahre war ich unter den ersten VJs, die von Berlin aus sogar europaweit unterwegs waren.

 

J.-B.H.: Dein Weg führte dich also von der Malerei über die Fotografie und verschiedenste Videokunstformen bis hin zur audiovisuellen Lichtkunstinstallation und Projektion. Welche Medienentwicklungen hast du darüber hinaus in den zwei Jahrzehnten deines Schaffens durchlebt oder bewusst in dein Oeuvre integriert?

 

P.G.: Ich habe angefangen mit analoger Fotografie als ich 13 Jahre alt war. Zunächst entstanden Naturaufnahmen oder Detailaufnahmen. Mit der Zeit wurden die Bilder immer abstrakter. Von da an habe ich nur noch „verschwommene“ Bilder fotografiert. Für mich waren und sind meine Arbeiten immer Malerei, seien es die Fotografie oder die Video- und Lichtinstallationen. Anfangs bin ich mit mehreren schweren Koffern, in denen sich VHS Tapes befanden, durch die Gegend gezogen. Auf jedem Tape befand sich ein Loop von einer Dauer zwischen 10 und 60 Sekunden. Die einzelnen Loops habe ich mit Hilfe eines Videomixers übereinandergelegt und mittels Feedbacks abstrakte Passagen entwickelt. Die Präsentation der so erzeugten Wiederholungen, Überblendungen und Brüche erstreckte sich jeweils über drei bis vier Stunden. Danach habe ich angefangen DVDs zu brennen und bin mit DVD- Playern sowie Loop-DVDs zu den Projektionsorten gereist. Erst dann kam immer öfter der Laptop mit auf Reisen, der noch heute ein wesentliches Instrument darstellt. Ich arbeite als Medienkünstler immer mit und an den Grenzen der Möglichkeiten, bin immer am Suchen und Ausreizen der verfügbaren Technologien.

 

J.-B.H.: Wie schätzt du die Wechselwirkung zwischen Lichtkunst und den zur Verfügung stehenden Medien wie Fotografie und Video zur Konservierung deiner ja eigentlich eher temporären Kunst ein?

 

P.G.: Fotografie und Videos sind ein wesentlicher Bestandteil meiner temporären Arbeiten. Sie gehören unmittelbar zu jeder Arbeit dazu und ermöglichen langfristig, beispielsweise in Form von Fotos in Leuchtkästen oder auch als Filme auf Screens, die Installation nochmals zu zeigen und nachzuempfinden. Das Erleben vor Ort ist natürlich nicht zu ersetzen, dennoch sind diese Medien eine wunderbare Möglichkeit, die Installationen zu konservieren. Bei den unangekündigten Popup-Installationen oder im Rahmen meiner Serie „Hidden Places“ mit spontanen Projektionen, z.B. auf einen ehemaligen Wachturm in Berlin oder die einzelne Blüte einer Magnolie, geht es mir überhaupt nicht darum, dass jemand diese Arbeiten live und direkt vor Ort sieht. Die Arbeit soll vielmehr erst durch Fotos und Videos reproduziert und sichtbar gemacht werden. Digitale Medien, das Internet und die vielen Videoplattformen sind sehr wichtig für meine Arbeit. Es ist immer wieder faszinierend, woher Anfragen oder Anschreiben kommen, nachdem Leute die Arbeiten online gesehen haben. Außerdem bieten sie die Möglichkeit, auch bei kleinen oder internationalen Projekten ein sehr großes und vom Projektionsort unabhängiges Publikum zu erreichen. Dies sogar noch über viele Jahre hinweg.

 

Philipp Geist, Projektionen auf eine Magnolienblüte und auf eine ‚Pusteblume‘ im Rahmen der Serie Hidden Places, 2016 © 2016 Philipp Geist / VG Bildkunst Bonn

 

 

J.-B.H.: Deine Kunst profitiert also von deinem bewussten Einsatz medialer Überschneidungen. Die flüchtige Oberfläche deiner Installationen lebt durch die neuen Medien und Plattformen weiter. Im Internet sind die Dimensionen deiner Werke auf den ersten Blick jedoch alle gleich: Welches ist dein bisher größtes und welches dein kleinstes Lichtkunstwerk – gemessen an der Projektionsfläche?

 

P.G.: Das größte Projekt war sicherlich die Doppelprojektion in Rio de Janeiro 2014, bei der ich eine Lichtkunstinstallation auf die Christusstatue ‚Cristo Redentor‘ und die Favela Santa Marta realisiert habe. Für mich persönlich ein ganz besonderes Projekt. Aber auch die Videomapping-Installation auf den Azadi-Turm in Teheran zum Thema Frieden und Freiheit bleibt mir in wertvoller Erinnerung. Es war eine unglaublich positive Stimmung vor Ort. Viele junge Menschen kamen unter dem Freiheitsturm zusammen, die extrem dankbar darüber waren, ein freies und unabhängiges Kunstprojekt zu diesem Thema dort zu sehen. Für mich persönlich waren die Reaktionen überwältigend. Die temporäre Installation an der Fassade des Königspalastes Bangkok ist ebenfalls eines meiner bisher größten Arbeiten. Über neun Tage hinweg sahen 2,5 Millionen Besucher diese Projektion. Ich wähle Projekte allerdings nicht allein nach ihrer Größe aus. Ein kleiner Ort kann genauso spannend und besonders sein wie ein großer, monumentaler Ort. Ich entscheide immer auch nach dem Kontext, und ob mich ein Ort durch seine Geschichte, seine Funktion oder seine Gestalt anspricht. Erst kürzlich habe ich Projektionen auf eine einzelne Pusteblume und eine Magnolienblüte realisiert. Letztere entstanden für meine Reihe „Hidden Places“, ein 2015 begonnenes Langzeitprojekt, das Projektionen auf temporäre, also vergängliche oder nahezu verschwundene Orte beinhaltet.

 

J.-B.H.: Damit deutest du an, dass dein eigentliches Werk erst vor Ort und durch den gegebenen Ort entsteht. Häufig ist es der Außenraum, den du mit kleineren oder größeren Projektoren verwandelst. Deine Installationen sind an die reale Zeit und damit an die nur bedingt kalkulierbaren Bedingungen dieser Echtzeit gebunden. Sicher hattest du bereits mit zahlreichen Tücken der Kunst im öffentlichen Raum zu kämpfen. An welche Herausforderungen denkst du dabei besonders? Vielleicht ist aus dem einen oder anderen Phänomen ja sogar etwas Kreatives entstanden?

 

P.G.: Es bestehen natürlich immer zahlreiche mögliche Schwierigkeiten und Herausforderungen, da man das Wetter, den öffentlichen Raum, störende Lichter etc. nicht beeinflussen oder vollständig kontrollieren kann. Dies macht für mich allerdings auch einen besonderen Reiz aus. Wetterphänomene oder Stromausfälle können das Ergebnis positiv oder negativ beeinflussen. Der natürliche Vollmond macht das urbane Umgebungslicht zusätzlich heller, so dass die Wirkung der künstlichen Lichtprojektion darunter leiden kann. Regen kann zugleich auch sehr schön wirken, da sich Gebäude spiegeln oder Bodenprojektionen noch glänzender und tiefer aussehen.

 

J.-B.H.: Kunst im öffentlichen Raum bzw. im Außenraum ist also immer ein reizvolles Wagnis, bei dem Spontaneität und Flexibilität gefordert sind…

 

P.G.: Daher ist es natürlich immer besser, wenn die Installationen nicht nur einen Abend lang sind. Meist sind zwei bis drei Tage wesentlich günstiger, so hat man sogar die Möglichkeit, Dinge weiterzuentwickeln und auch das Wetter kann sich wieder bessern. Spontaneität und Flexibilität sind mir sehr wichtig. Da meine Arbeiten meist erst vor Ort fertiggestellt werden, beinhaltet jede Projektion unberechenbare Momente. Wochenlang bzw. monatelange hat man sich Gedanken gemacht, das Projekt thematisch und formal entwickelt, und doch kann erst vor Ort alles umgesetzt und einjustiert werden. Der spannendste Moment ist derjenige, wenn die Projektoren das erste Mal angeschaltet werden und die Arbeit an dem ausgewählten Ort beginnt.

 

J.-B.H.: Dich zieht es immer wieder ans Wasser – du hast bereits Schiffe und Häfen in Stuttgart, Celle und Berlin illuminiert. Auch dein seit 2006 andauerndes Projekt „Riverine Zones“ beschäftigt sich mit diesem natürlichen ‚Bildträger‘. Was reizt dich daran besonders?

 

P.G.: Wasser ist neben dem Thema Zeit ein weiteres Leitthema meines Schaffens, das mich schon sehr lange fasziniert. Bei dem Projekt „Riverine Zones“ filme ich die Unterwasser- und Uferlandschaften von Flüssen und Bächen. Aus dem so gewonnen Material entwickele ich Rauminstallationen. Mittlerweile habe ich bereits über 30 verschiedene internationale Flüsse gefilmt. Mit der Arbeit an „Riverine Zones“ habe ich vor genau zehn Jahren angefangen. Es handelt sich um ein Projekt ohne Ende und mit grenzenlosen Möglichkeiten der Erweiterung. Die Hafen-Installation „Fluss der Wörter“ im Rahmen der Langen Nacht der Museen in Stuttgart am 2. April diesen Jahres bestand aus drei Teilen, das Wasser gehörte natürlich maßgeblich mit dazu: einer Projektion auf einen Großcontainer-Terminal von ca. 200 Metern Breite, einer rückseitigen Projektion auf eine Wasserwand und drei an fahrenden Dampfern befestigten Projektoren, die die umliegenden Kaimauern des Hafens während ihrer Fahrt illuminierten. In verändertem Maßstab habe ich dann eine Licht-Ton-Installation für den kleinen Hafen in Celle mit Projektionen auf Schiffe und Hafenwände realisiert.

 

J.-B.H.: Das für Stuttgart angedachte und leider nicht realisierbare „Krahnballett“ – dieser Begriff erinnert mich übrigens sehr an die sogenannten „Lichtballette“ Otto Pienes – wurde durch deine erstmalige Projektion auf eine Wasserwand ersetzt. Welche besonderen Displays nutzt du darüber hinaus für deine Lichtprojektionen?

 

P.G.: Ich arbeite schon lange mit der Kombination von Nebel und Projektion. Mich fasziniert es, nicht nur auf eine Fassade, die Wand oder den Boden zu projizieren, sondern vielmehr in den Raum hinein, in ein Dazwischen. Nebel, Wasser und transparente Stoffe ermöglichen genau das. Ottos Pienes und die Arbeiten der gesamten Zero-Bewegung sowie die Werke von Anthony McCall schätze ich sehr.

 

Philipp Geist, Time Drifts, Luminale Frankfurt, 2012 © 2016 Philipp Geist / VG Bildkunst Bonn

 

 J.-B.H.: Welche anderen Orte oder ‚Gegen-Orte‘ inspirieren dich darüber hinaus? Gibt es besondere Lichtkunst-Visionen?

 

P.G.: Mich inspirieren ganz unterschiedliche Orte. Sei es das ehemalige Pförtnerhäuschen am Tempelhofer Flughafen in Berlin, eine Pusteblume oder eine Palast-Ruine in Dhaka (Bangladesch). Mein roter Faden ist dabei stets die Vergänglichkeit bzw. das Versteckte, Unsichtbare, Verlebte. Es handelt sich um aus der Zeit gefallene Orte. Die digitale Videoprojektion ist ein noch sehr junges und aktuelles Medium. Für mich bietet der Einsatz dieses Mediums für Lichtinstallationen auf historischen Gebäuden die Möglichkeit einer Synthese zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Diese Verzahnung ermöglicht ein Stück weit eine Zeitreise. DER Ort zum Thema Zeit wären für mich die Pyramiden in Ägypten und in Mexiko. Hier würde eine Installation zum Thema Zeit und Raum die wohl vollkommenste Umsetzung erfahren. Vielleicht ist das ja irgendwann möglich.

 

J.-B.H.: Eine letzte Frage an dich als Licht- und Medienkünstler, bei der ich z.B. an die begehbare Lichtkunstinstallation „inBetween“ im Kunstmuseum Celle im Rahmen der großen Überblicksschau „Scheinwerfer – Lichtkunst in Deutschland im 21. Jahrhundert“ von 2014 zurückdenke: Welche Rolle spielt der Schatten in deiner Kunst?

 

P.G.: Die Möglichkeit durch Projektionen ein begehbares Raumkunstwerk zu schaffen, halte ich für ein ganz wesentliches Potential dieses Mediums. Der sich in die Installation begebende und ‚eintauchende‘ Betrachter ist ein ganz wesentlicher Teil vieler Arbeiten. Betrat der Besucher den Raum der Installation „inBetween“, warf er automatisch einen oder sogar mehrere Schatten. Er war plötzlich mittendrin, konnte aus seiner neuen Rolle nicht mehr heraus. Zugleich veränderte er durch seine Bewegung im Raum die Projektion, er wurde also zu einem Bestandteil der Arbeit. Auch in meiner Installation „Time Drifts“, die ich an verschiedenen Orten in Frankfurt, Vancouver, Berlin, Montreal oder Eindhoven gezeigt habe, war das Eintauchen in Projektionen aus flüchtigen Wörtern und Formen, die der Betrachter noch vor ihrem Auftreffen auf den umliegenden Flächen durch seinen Körper abfängt, ein ganz wesentlicher Bestandteil des Kunstwerks.

 

Philipp Geist, inBetween, Kunstmuseum Celle mit Sammlung Robert Simon, 2014 © 2016 Philipp Geist / VG Bildkunst Bonn

 

Vom Pinsel zum Beamer: Über die flüchtige Oberfläche der Licht- und Medienkunst von Philipp Geist

Jasmin-Bianca Hartmann

 

Zwanzig Jahre Malerei (1996-2016)

Der Licht- und Medienkünstler Philipp Geist verwandelt mit seinen fließenden und flüchtigen Lichtkunstinstallationen Orte auf der ganzen Welt. Geboren wurde der Wahlberliner 1976 in Witten (Ruhr), aufgewachsen ist er im bayrischen Oberland. 2013 erhielt Geist für seine u.a. in Berlin und Frankfurt umgesetzte Installation „Time Drifts“ den Lichtdesign-Preis in der Kategorie Lichtkunst. Für dieses Jubiläumsjahr initiiert Geist gemeinsam mit einem Team aus Organisatoren und internationalen Künstlern das „1. Weilheimer Lichtkunst-Festival“.

 

Als sein bisher größtes Projekt beschreibt der Künstler die Illumination der Christusstatue und die umliegende Favela Santa Marta in Rio de Janeiro mit Großprojektoren im Jahre 2014. Ein Schauspiel der besonderen Art, das als Doppelprojekt zwei ‚Wahrzeichen‘ Brasiliens miteinander in visuellen Einklang brachte. Die gesamte Projektion erstreckte sich über drei Tage. Gemäß dem audiovisuellen Ansatz seiner Kunst, sorgten die Einwohner der Favela mit ihren Instrumenten und ihrem Gesang für die musikalische Untermalung der Installation. Und hier schließt sich der Kreis: Mittlerweile ist es 20 Jahre her, dass Philipp Geist seine künstlerische Laufbahn in einem lichtdurchfluteten Fichtenwald in Polling, nahe seiner Heimatstadt Weilheim in Oberbayern, startete. Großformatige Öl- und Acrylgemälde in kräftigen Farben lehnten für wenige Stunden direkt an den kahlen Baumstämmen der Fichten. Der damals zwanzigjährige Künstler positionierte seine Bilder mit bis zur Unkenntlichkeit verfremdeten Tänzern und Trommlern in installativer Manier auf einem mit rot-weißem Absperrband markierten Areal. Damals unterstrichen die natürlichen Phänomene des Ortes, zu denen insbesondere das Licht-Schatten-Spiel der Bäume zählte, die dynamische Struktur seiner Motive und den performativen Charakter dieser Ausstellung. Auch in seinen Fotografien und Videokunstwerken greift Geist diese verschwommenen und bewegten Strukturen kontinuierlich auf. Seine Leidenschaft galt und gilt jedoch den Projektionen, dem Hintereinanderschalten von bewegten Bildern, dem Prozessualen, der Metamorphose und dem Moment des Übergangs zwischen zwei konkreten Zuständen. Die Kunst des Berliners befindet sich in vielerlei Hinsicht in einem Dazwischen. Eine wesentliche Klammer bildet der Vorgang des Malens, mit welchem der Künstler sämtliche medialen Ausflüge beschreibt. Auch mit seiner Lichtkunst schafft Geist atmosphärische und malerische Zwischenorte, die sich in stetigem Fluss befinden. Mit jedem Ort, welchen der Künstler einer temporären Verwandlung unterzieht, setzt er sich intensiv auseinander; sein Licht fungiert als eine Art Schatten der Vergangenheit. Geist geht in seinen Projektionen mit Farben, Formen und Wörtern auf die Geschichte des gewählten Schauplatzes ein und lässt sie fragmentarisch am Auge des Betrachters vorbeiziehen. Der Rezipient braucht Zeit, um sich auf das stetige Werden und Auflösen seiner flüchtigen und zumeist keiner narrativen Abfolge folgenden Installationen einzulassen.

 

Vom Videogeist zum Lichtgeist

Die Verbindung von Bild und Ton ist seit jeher ein wesentliches Element der Werke von Philipp Geist. So arbeitete der Künstler bereits mit diversen Vertretern aus der Klassik- und Elektro-Szene zusammen. Dieser audiovisuelle Ansatz resultiert nicht zuletzt aus seiner Arbeit als VJ (Visual Jockey) in der Berliner Clubszene der 1990er-Jahre. Hier zählte er als Videogeist zu den ersten Vertretern, die auch europaweit als Echtzeit-Videokünstler unterwegs waren. VJs ergänzen Musikveranstaltungen spontan und emphatisch durch ihr eigenes Repertoire an Bild- und Formenkompositionen. Eine Grundlage, die dem Künstler eine spürbare Gelassenheit für seine Installationen im Außenraum vermittelt hat – sogar, wenn sich der Wind plötzlich dreht und das weiche Display des Nebels in die falsche Richtung wabert. Philipp Geists Lichtkunstinstallationen sind Echtzeit-Projektionen. Trotz intensiver Vorbereitung Geists auf den jeweiligen Ort ist immer ein Rest an Flexibilität und Spontaneität gefordert. Jede Licht-Ton-Installation ist ein einmaliges und zeitlich begrenztes Erlebnis. Mit seinen Videos und Fotografien, durch welche der Künstler jede Projektion konserviert, nimmt er seiner Kunst einen Teil des Flüchtigen und Temporären und verhilft ihr zu einer lokal unabhängigen Zeitlosigkeit.

 

Die Langzeitprojekte „Riverine Zones“ und „Hidden Places“

Ein zweites Jubiläum betrifft in diesem Jahr Geists Video-Langzeitprojekt „Riverine Zones“. Mittlerweile hat der Künstler mit seiner Unterwasserkamera über 30 internationale Flüsse und Gewässer gefilmt. Ab dem 10. Juli 2016 wird im Rahmen der Gemeinschaftsausstellung „Bitteres Wasser“ im Hafen Berlin-Rummelsburg eine Auswahl dieser Ästhetik des Liquiden zu sehen sein. Während jeder Ausstellung dieses Projekts, in der er die Gewässer durch die Präsentation anhand von Fotos oder Videos als Rauminstallationen ausstellt, werden die Filme und Filmstills immer wieder neu miteinander vernetzt. Es entsteht ein Kaleidoskop aus undefinierbaren Oberflächen und wiedererkennbaren Partikeln, Lebewesen, Pflanzen, Luftblasen oder Fischen. Unscharfe Flächen stehen neben klaren Bildern. Wir blicken auf den ‚Kampf‘ des Kamerafokus mit der natürlichen Fließgeschwindigkeit des gefilmten Gewässers. Philipp Geist erzeugt analog zu seinen großflächigen Projektionen ein stetiges Kippen zwischen Bild und Raum. Er lässt uns eintauchen in seine komponierte Unterwasserwelt und ihren ganz eigenen Klang; präsentiert uns eine beruhigende Monotonie, die einen Kontrast zu unserer reizüberfluteten Stadtwahrnehmung bildet. Plötzlich sind wir von einer neuen Perspektive ‚gefesselt‘, werden zum Schwimmer und zum Taucher, ohne dabei tatsächlich nass zu werden.

 

Philipp Geist, Riverine Zones, seit 2006 © 2016 Philipp Geist / VG Bildkunst Bonn

 

Innerhalb der erst 2015 begonnenen Serie „Hidden Places“ sind es ebenfalls stille oder verstummte Projektionsflächen, die den Künstler interessieren. Ausgerüstet mit Laptop, Generator und Beamer projiziert Geist auf verlassene Gefängnisse, Schiffswracke, Stromhäuschen oder Pusteblumen. Es handelt sich um versteckte, verwitternde, vergängliche, temporäre Orte. Die „Hidden Places“ sind Gegen-Orte zum klassischen ‚White Cube‘, den Philipp Geist schon zu Beginn seiner künstlerischen Karriere als „trist und nüchtern“ empfand. Neben den Videoaufnahmen der Echtzeit-Projektionen, die der Medienkünstler erst nachträglich auf unterschiedlichsten digitalen Plattformen im Internet teilt, soll langfristig ein Fotoband diese versteckten Orte konservieren. Hier spielt Philipp Geist ganz bewusst mit unseren technologischen Möglichkeiten und der nachhaltigen Verfügbarkeit seiner flüchtigen Oberflächen.

 

Lichtkunst als Malerei im Raum

Zeit, Raum und Wasser sind die drei wesentlichen Themen, welche sich in der stets fließenden und flüchtigen Oberfläche der Licht- und Medienkunst von Philipp Geist sowohl inhaltlich als auch formal widerspiegeln. Ein wesentliches Anliegen, das bei jeder Ausstellung, jeder Lichtkunstinstallation sowie im gesamten – medienübergreifen – Oeuvre von Philipp Geist mitschwingt, ist die Kreation eines neuen Raum-Zeit-Kontinuums. Geist ergänzt vorhandene Strukturen, schafft neue oder löst sie visuell gar vollständig auf. Ein eindrucksvolles Beispiel ist hier die Projektion „Farbe Fassade Figur“ auf die Fassade des Bauhaus Museum Dessau im September 2014 im Rahmen des Bauhausfestes. Philipp Geists Lichtkunst ist eine Art Malerei im Raum, mit welcher er temporäre und ambivalente Zwischenräume schafft. Seine ‚Metamorphosen‘ aus Farben, Schriftzeichen, Formen und Tönen sind dynamische Strukturen, in die der Betrachter eintauchen kann. Als Licht- und Medienkünstler praktiziert er keine Kunstform des Frontalzusammenstoßes, sondern der Immersion.

 

Philipp Geist, Farbe Fassade Figur, Bauhaus Museum Dessau, 2014 © 2016 Philipp Geist / VG Bildkunst Bonn

 

Philipp Geist. Geboren 1976 in Witten (Deutschland), aufgewachsenen in Weilheim i. OB. Geist startete seine künstlerische Laufbahn 1996 mit Werken in Öl und Acryl und gehörte in den 1990er-Jahren zu den ersten europaweit agierenden VJs. Heute arbeitet er weltweit in den Bereichen Video, Performance, Fotografie, Malerei und Lichtkunst. 2014 verwirklichte er seine bisher größte Lichtkunstinstallation in Rio de Janeiro, eine Doppelprojektion auf die Christusstatue und die Favela Santa Marta. 2016 initiierte der Licht- und Medienkünstler gemeinsam mit dem 2015 gegründeten Lichtkunst Weilheim e.V. und seinen internationalen Künstlerkollegen Fausto Morales (Slidemedia), Jorge Ramirez-Escudero sowie Robert Seidel das „1. Weilheimer Lichtkunst-Festival“. Philipp Geist lebt und arbeitet in Berlin.

Jasmin-Bianca Hartmann. Geboren 1988 in Celle (Deutschland). 2007-2014 Studium der Kunstgeschichte und Deutschen Philologie an der Georg-August-Universität Göttingen und an der Freien Universität Berlin (MA). 2013 begann sie ihre freie Mitarbeit im Kunstmuseum Celle mit Sammlung Robert Simon, dem weltweit ersten „24-Stunden-Kunstmuseum“, wo sie auf Otto Piene traf. Im Folgejahr erhielt sie ein Stipendium der RWLE Möller Stiftung in Celle. Seit 2015 promoviert sie bei Michael Lüthy an der Bauhaus-Universität Weimar zum Thema Lichtkunst.